Gedanken zur Nachhaltigkeit

Aktualisiert: 7. Apr 2020

Nachhaltigkeit ist zum Mode- und Lösungswort der letzten Jahrzehnte geworden. Was verstehen sie darunter? Hier eine paar Gedanken von Persönlichkeiten aus der ganzen Welt.

"Die der Nachhaltikeit zum Beispiel impliziert, dass es sich lohnt, das aktuelle bestehende System nachhaltig zu erhalten. Sie impliziert darüber hinaus, dass schon das Forstdauern über längere Zeit ein Erfolgsausweis ist, was wiederum ein Existenzmodell voraussetzt, das eher mit Persistenz zu tun hat, also immer weiter geht und konstant vorhanden ist. Wir haben aber festgestellt, dass die Dinge nicht so sind. ...." Thimothy Morton (2019). Ökologisch sein. S 234.


"So erscheint in dem alten Buch [Anm.: Sylvicultura oeconomica von Hans Carl von Carlowitz (1713)] in Umrissen das Konzept der nachhaltigen Entwicklung: die Natur respektieren - mit den Ressourcen haushalten - das Gemeinwesen stärken. Und: Verantwortung für die nachfolgenden Generationen übernehmen." U. Grober (2006). Die Entdeckung der Nachhaltigkeit - Kulturgeschichte eines Begriffs. Antje Kunstmann. S 119.


"Wesentlich für das Überleben solcher „Ökosysteme“ ist, dass sie dem Prinzip der EHRFURCHT vor der natürlichen Umwelt und vor den Traditionen dieses Systems folgen. Statt des Begriffes Ehrfurcht, welcher so viel bedeutet wie Achtung vor der betreffenden Lebenswelt, wird heute auch der wenig glückliche Begriff der NACHHALTIGKEIT eingesetzt." R. Girtler unter www.nachhaltigkeit.at

"Ein Prinzip, zu dem sich nahezu alle Staaten und alle politischen Parteien dieser Erde ohne größere Vorbehalte bekennen, ist entweder eine nichtssagende Selbstverständlichkeit oder eine gut klingende Phrase. ...

... Während bei Reformen des Sozialsystems etwa die Rentner und die Kranken, die Arbeitslosen und die Alleinerzieher, also diejenigen, die nach Status und Kaufkraft ohnehin im unteren Drittel der Gesellschaft angesiedelt sind, schmerzhafte Einschnitte verspüren sollen, hätte eine ernsthafte Umsetzung des Prinzips der Nachhaltigkeit in erster Linie die ressourcenverbrauchenden Konzerne, die Propagandisten und Nutznießer der Wegwerfgesellschaft, die Profiteure der Urwaldzerstörungs- und Tiervernichtungsindustrien und die Lobbyisten der Kernenergie getroffen. ...

... Wer die für einen zivilisatorischen Standard notwendigen Ressourcen jetzt verbraucht, sorgt damit auch dafür, dass nachfolgende Generationen hinter diesen Standard zurückfallen müssen. ..." K.P. Liessmann (2012). Lob der Grenze - Kritik der politischen Unterscheidungskraft." Der Geschmack der Nachhaltigkeit. Zsolnay. S 119-128.


"Von den Gesellschaften selbst wird die Haltbarkeit ihrer heutigen Lebensformen zunehmend als problematisch empfunden - wäre es anders, würden die Eliten in den sozialen Subsystemen nicht seit einer Weile unentwegt über die Nachhaltigkeit ihres modus vivendi diskutieren. Ohne Zweifel stellt das Wort "Nachhaltigkeit" das semantische Zentralsymptom der gegenwärtigen Kulturkrise dar: Es spukt durch die Reden der Verantwortungsträger wie ein neurotischer Tick, der auf ungeklärte Spannungen in unseren Antriebssystemen schließen läßt. Es antwortet auf ein Unbehagen, das unser Dasein in der technischen Zivilisation mit einem zunehmenden Unhaltbarkeitsgefühl unterwandert. Dieses Gefühl ist untrennbar von der Erkenntnis, dass unsere "Gesellschaft" - um den suspekten Begriff nun ohne weitere Hinterfragung zu verwenden - in einen Selbsterhaltungsstress geraten ist, der von uns ungewöhnliche Leistungen abrufen wird." Peter Sloterdijk (2011), Streß und Freiheit, Suhrkamp, Berlin.